Warum Redaktionen Leuchttürme brauchen

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Die Neue Zürcher Zeitung und auch der Tages Anzeiger publizieren in losen Abständen ehrgeizige Multimedia-Reportagen, die sich aus technologischen- und Darstellungsgründen auf separaten Plattformen abspielen. Diese „Leuchtturm“-Projekte finden häufig losgelöst vom redaktionellen Tagesgeschäft statt, werden teilweise von freien (Video)-Journalisten oder Fotografen initiiert und bedient, und auf Technologie-Ebene von Agenturen betreut. Genau diese Eigenschaften bieten Angriffsfläche für (interne und externe) Kritik. Mitarbeitende kritisieren Investitionen in diese Projekte während im Tagesgeschäft die Ressourcen für grössere Multimedia-Projekte fehlen würden und bemängelnden einen fehlenden Know-how Transfer. Diese Kritikpunkte mögen zutreffen und schmälern den internen Wirkungsgrad von Leuchtturm-Projekten. Dennoch gibt es auch Gründe, die für ihre Publikation sprechen: Einerseits fördern sie das digitale Selbstverständnis einer Redaktion, ermöglichen die Entwicklung von Templates, die wiederverwertet werden können, und machen „Lust auf mehr“, indem sie Möglichkeiten ausloten und Potentiale ergründen. Ein weiterer Grund besteht darin, dass sich die Mediennutzung im Digitalen Zeitalter verändert: Nachrichten werden immer weniger als von den Anbietern gebündelte Produkte konsumiert, sondern immer mehr aus einem bunten Fundus im Netz zusammengestellt (Lichfield 2012). Dies geschieht über Newsfeeds in Sozialen Medien (z.B. abonnierte Accounts auf Facebook), Empfehlungen menschlicher (wie bei Twitter oder Niuws) oder technologischer (z.B. Flipboard, Zite (gerade von Flipboard aufgekauft) oder Spotter) Kuratoren, oder schlicht von Hand, durch den regelmässigen Besucht spezifischer Webseiten.

Die Nutzer können mit Zusatzkosten, die gegen Null tendieren, unbeschränkt Nachrichtenseite durchstöbern, um sich die Rosinen zusammenzusuchen. Leuchttürme helfen, im Angebotsmeer die Aufmerksamkeit der Nutzer auf sich zu lenken. So wird an Markenbekanntheit und Image geschliffen, und es werden Klicks generiert (was zwar direkt nicht viel bringt, da diese Seiten häufig keine Inserate aufweisen). Hierbei geht es nicht um die Leuchttürme an sich, sondern zu demonstrieren, dass die Redaktion interessante Themen zu setzen vermag und sich durch ihr Agenda Setting von der Konkurrenz abhebt. Das macht deutlich, dass es nicht ausreicht Leuchttürme zu publizieren: diese sind vielmehr nur das „Frontend“ eines eigenständigen, kompetenten und menschlichen Agenda Settings, von dem die Nutzer überzeugt werden müssen.