Service privé. Eine Analyse der Angebote des privaten Rundfunks

 

Download der Studie Service prive

Executive Summary 

 Vor dem Hintergrund der RTVG-Revision sowie einer anstehenden Neuausschreibung der TV-Konzessionen ist in der Schweiz eine kontroverse Debatte über Umfang, Qualität und Finanzierung des „Service public“ im Rundfunksektor entstanden. Diese Debatte kon-zentriert sich bislang einseitig auf die Leistungen der SRG SSR, da diese den Grossteil der Gebührengelder für sich beanspruchen. Für eine ganzheitliche Betrachtung der Vielfalt, Qualität und Innovationskraft der Schweizer Rundfunkbranche ist jedoch eine Berücksich-tigung der Leistungen privater Rundfunkanbieter unumgänglich.

 Die vorliegende Studie zeigt erstmals den Umfang und die Qualität des Service privé, al-so der Leistungen privater Rundfunkanbieter in der Schweiz sowie, darauf aufbauend, de-ren mögliche künftige Entwicklung in einer umfassenden Analyse auf. Berücksichtigt wird dabei das ganze Programmspektrum unterschiedlicher privater Anbieter (mit/ohne Konzession, bzw. mit/ohne Gebührenanteil). Der Rundfunkmarkt wird ganzheitlich (Radio und TV) sowie dynamisch betrachtet.

 Die Studie umfasst die quantitative Analyse einer repräsentativen Auswahl privater TV- und Radioprogramme sowie eine explorative Analyse möglicher künftiger Entwicklun-gen basierend auf Experteninterviews mit Entscheidungsträgern der privaten Rundfunk-branche.

 Dem Schweizer Publikum steht heute mit 44 lokal-regionalen und weiteren 60 gemeldeten Radioprogrammen sowie 13 regionalen und 139 weiteren gemeldeten TV-Programmen ein breites privates Angebot zur Verfügung. Die Programmanalyse zeigt, dass die privaten Sender ein umfassendes Unterhaltungs- und fernseh-/radiopublizistisches Angebot so-wie teilweise auch umfängliche Nachrichtenangebote bieten.

 Der Anteil der Eigenproduktionen ist vor allem bei den regionalen Programmen hoch, zeigt jedoch auch bei den nicht-gebührenfinanzierten Programmen eine steigende Ten-denz. Die Eigenproduktionen der Privaten weisen in der Regel einen starken regionalen und/oder nationalen Bezug auf.

 Im Vergleich mit den gebührenfinanzierten Programmen der SRG SSR weisen die priva-ten TV-Programme mit Gebührenanteil vor allem Überschneidungen in den fernsehpub-lizistischen Angeboten auf (z.B. Nachrichten und Magazine). Dies gilt insbesondere für Programme mit regionalem Bezug. Diese Überschneidungen erschweren den privaten Re-gionalprogrammen die Profilierung und Refinanzierung ihrer Angebote. Es kommt zum Teil zu erheblichen Effizienzverlusten durch Doppelspurigkeiten in den gebührenfinan-zierten Inhalten, wie etwa lokalen/regionalen Nachrichten oder Reportagen.

 Die SRG SSR-Programme strahlen im Vergleich mit den privaten TV-Programmen mit Ge-bührenanteil einen deutlich höheren Anteil an Unterhaltungsprogrammen aus. Hier be-stehen starke Überschneidungen mit den privaten Programmen ohne Gebührenanteil.

Fallstudien verdeutlichen, dass diese Überschneidungen fiktionale wie auch non-fiktionale Unterhaltungsprogramme einschliessen (also Serien/Filme, aber auch Show-Formate).

 Auffallend ist der Einfluss der regulatorischen Rahmenbedingungen auf die Marktstruk-turen: Im Radiosektor, wo sich private Anbieter etablieren konnten, bevor die SRG SSR ein breites gebührenfinanziertes Angebot entwickelte, bestehen nur sehr geringe Unterschiede in den Programmstrukturen der Sender mit oder ohne Gebührenanteil, einschliesslich der Angebote der SRG SSR.

 Im TV-Sektor zeigen sich dagegen deutlich unterschiedliche Profile der nicht-konzessionierten Sender, der Regionalsender und der Programme der SRG SSR, welche in ihrem Profil zwischen den beiden Formen privater Sender anzusiedeln ist. Hier zeigt sich die Notwendigkeit einer dynamischen Betrachtung der Entwicklung von Marktstrukturen.

 Die Entwicklung privater TV-Programme ohne Gebührenanteil offenbart die Bedeutung vor allem fiktionaler Unterhaltungsangebote für die Refinanzierung der Sender. Ausge-hend von einer Refinanzierung im Bereich der fiktionalen Unterhaltung erfolgt schrittweise eine Expansion privater Anbieter in den Bereich der non-fiktionalen Unterhaltung, der unterhaltungsnahen Publizistik und in Sportangebote.

 Die grossen Überschneidungen mit den Unterhaltungsangeboten der SRG SSR-Programme erschweren privaten Programmen also die Etablierung und das Wachstum. Eine Ausweitung privater Angebote auf die non-fiktionale Unterhaltung, eigenproduzierte fiktionale Unterhaltung oder Sport wird aufgrund des konkurrierenden Einsatzes von Gebührenmitteln nahezu verunmöglicht. Dadurch wird die marktdominierende Stellung der SRG SSR verfestigt, statt aufgebrochen.

 Aus Sicht der Schweizer Konsumenten bestehen daher heute erhebliche Überschneidun-gen zwischen privaten und gebührenfinanzierten TV- und Radio-Programmen. Dies ist unnötig kostspielig, da privat finanzierte Inhalte parallel auch durch Gebührenmittel fi-nanziert werden. Immer wieder wird heute gleichzeitig aus privaten und Gebührenmitteln für Sendungslizenzen geboten, wodurch Programmkosten in die Höhe getrieben werden. Insgesamt wird der Wettbewerb im Rundfunksektor dadurch behindert.

Der Schweizer Rundfunkmarkt weist durch die marktdominierende Stellung der SRG SSR eine stark konzentrierte Struktur auf. Diese Konzentration erstreckt sich auch auf die Zuliefer- und Produktionsbranche. Der so verursachte Mangel an Wettbewerb erschwert den Markteintritt neuer Programmanbieter. Die Innovationskraft des Schweizer Rund-funkmarktes wird insgesamt geschwächt, was der weitgehende Mangel an Schweizer Programminnovationen in den vergangenen Jahren verdeutlicht.

 Notwendig ist heute eine klare Differenzierung von Service public und Service privé. Nur so lassen sich unnötige Kosten, Ineffizienzen, Wettbewerbs- und Innovationshürden vermeiden. Sofern das Ziel der Schweizer Medienpolitik die Sicherung eines vielfältigen

Programmangebots in TV und Radio ist, müssen die heutigen und möglichen künftigen Leistung der privaten Rundfunkanbieter in der Definition und Abgrenzung des „Service public“ Berücksichtigung finden. Empfohlen wird eine dynamisch-subsidiäre Definition des Service public, welche nur jene politisch erwünschten Leistungen umfasst, die nicht heute oder absehbar künftig durch private Anbieter erbracht werden können.

 Basierend auf der durchgeführten Programmanalyse sowie der explorativen Studie ist fest-zustellen, dass im TV-Sektor fiktionale Unterhaltung bereits heute umfassend durch private Anbieter erbracht wird. Im Bereich der non-fiktionalen Unterhaltung sowie di-versen fernsehpublizistischen Formaten weisen die privaten Programme ein breites An-gebot auf. Im Falle eines Rückzugs öffentlich finanzierter Programme ist eine weitere zü-gige Expansion zu erwarten, insbesondere da sinkende Lizenzkosten finanzielle Mittel für weitere Eigenproduktionen freimachen würden. Mittelfristig ist ein starkes privates An-gebot auch in den Bereichen Sport und Nachrichten zu erwarten, sofern die regulatori-schen Rahmenbedingungen dies zulassen.

 Ein Rückzug der öffentlich finanzierten Angebote aus der fiktionalen und non-fiktionalen Unterhaltung sowie diversen fernsehpublizistischen Formaten und das da-mit verbundene Aufbrechen der Anbieterstrukturen würde den Umfang und die Vielfalt Schweizer Eigenproduktionen absehbar erhöhen und massgeblich zu einer höheren In-novationskraft der Schweizer Anbieter beitragen.

 Im Radio-Sektor wäre aus heutiger Sicht die subsidiäre Leistung des Service public be-sonders eng zu definieren, da ein sehr breites etabliertes privates Angebot in nahezu allen Programmsparten besteht. Hier könnten allenfalls wenige radiopublizistische Formate (Magazine, Reportagen) sowie nationale und internationale Nachrichten eine mittelfris-tige Lücke des Service privé darstellen.

 Für die weitere Debatte des Service public und Service privé im Schweizer Rundfunkmarkt sind vor allem zwei Schritte notwendig: (1.) Eine vertiefte vergleichende Programmanaly-se der privat und öffentlich finanzierten Rundfunkangebote, welche die ganze Breite priva-ter Angebote umfasst. (2.) Eine dynamische Perspektive, welche nicht nur die heutigen, sondern auch die absehbaren künftigen Markt- und Angebotsstrukturen im Falle einer schrittweisen Reduktion öffentlich finanzierter Inhalte berücksichtigt („dynamische Sub-sidiarität“).

 Unbeantwortet bleibt dabei die Frage, in welcher Form ein dynamisch-subsidiärer Service public künftig zu erbringen wäre. Denkbar sind alternativ zu öffentlich finanzierten Sen-dern auch öffentlich finanzierte Produzenten oder in wettbewerblichen Ausschreibungs-verfahren zu vergebende, öffentlich finanzierte Aufträge für spezifische Program-me/Inhalte.